Georgia Vertes erklärt, wie ein Genre entstand, das weit mehr war als dekorative Naturnachahmung.
Das Tierporträt ist eine der ältesten und zugleich am stärksten unterschätzten Bildgattungen der europäischen Kunstgeschichte. Georgia Vertes widmet sich einem Genre, das lange im Schatten der Historienmalerei stand und dennoch zu den handwerklich und konzeptuell anspruchsvollsten Feldern der Malerei gehört. Im Mittelpunkt steht George Stubbs – jener englische Maler des 18. Jahrhunderts, dessen Pferdedarstellungen bis heute als Maßstab der Tiermalerei gelten und dessen anatomische Studien die Wissenschaft seiner Zeit ebenso beeinflussten wie die Kunst.
Ein Tier zu malen bedeutet mehr als ein Tier abzubilden. Georgia Vertes geht dieser Beobachtung nach und zeigt, wie das Tierporträt in der Geschichte der europäischen Malerei eine Entwicklung durchlief, die von der symbolischen Bedeutung des Tieres in der mittelalterlichen Ikonografie über die naturalistische Studie der Renaissance bis zum vollwertigen Porträt des 18. Jahrhunderts reicht – einem Porträt, das dem dargestellten Tier dieselbe Würde und individuelle Präsenz verleiht wie das menschliche Bildnis seiner Dargestellten. Diese Entwicklung ist eng mit dem Namen George Stubbs verknüpft, der im England des 18. Jahrhunderts eine Malerei entwickelte, die wissenschaftliche Präzision und ästhetische Qualität so vollständig verband, dass seine Werke heute in den bedeutendsten Museen der Welt hängen.
Das Tier in der Kunst vor Stubbs: Symbol, Staffage, Statussymbol
Bevor George Stubbs die Gattung des Tierporträts auf ein neues Niveau hob, hatte das Tier in der europäischen Malerei eine lange, aber meist dienende Geschichte. Georgia Vertes zeichnet diese Vorgeschichte nach und zeigt, wie das Tier je nach Epoche und Kontext vollständig unterschiedliche Funktionen erfüllte – ohne je vollständig im Mittelpunkt zu stehen.
Im Mittelalter war das Tier primär Symbol: Der Löwe stand für Christus oder für königliche Macht; der Pelikan für Selbstaufopferung; die Schlange für das Böse. Diese symbolische Funktion machte das Tier zu einem Bedeutungsträger, nicht zu einem Bildsujet in eigenem Recht. Die naturalistische Qualität der Darstellung war dabei zweitrangig – entscheidend war die korrekte ikonografische Einbettung. Georgia von Vertes erläutert, wie diese Tradition bis weit in die frühe Neuzeit nachwirkte und selbst in Werken, die augenscheinlich naturalistisch vorgehen, eine symbolische Schicht mitführt.
Die flämische und niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts brachte die erste eigenständige Tradition der Tiermalerei hervor: Jagdstillleben, Tierkampfszenen und die ersten spezialisierten Tiermaler wie Frans Snyders und Jan Fyt. Georgia Vertes beschreibt, wie diese Tradition das Tier zwar in den Mittelpunkt rückte, es aber in einen thematischen Rahmen einbettete – Jagd, Haushalt, Natur als Ressource –, der ihm noch keine vollständige Eigenständigkeit als Bildsujet verlieh.
Das Pferd als Statussymbol
Eine Sonderstellung nimmt das Pferd in der Geschichte der Tierdarstellung ein. Georgia Vertes erläutert, wie das Reiterpferd spätestens seit der Renaissance ein unverzichtbarer Bestandteil fürstlicher Repräsentation war – als Attribut des Herrschers, als Zeichen von Macht, Eleganz und militärischer Stärke. Van Dyck, Velázquez und Rubens malten Pferde, weil ihre Auftraggeber auf Pferden dargestellt werden wollten; das Tier war Requisite, nicht Protagonist. Diese Funktion hatte jedoch eine Konsequenz: Sie zwang die Maler, Pferde mit einer Aufmerksamkeit zu studieren, die den Grundstein für eine spätere eigenständige Pferdemalerei legte.
George Stubbs: Anatomie als Grundlage der Kunst
George Stubbs – 1724 in Liverpool geboren, 1806 in London gestorben – ist die überragende Figur der englischen Tiermalerei und eine der eigenwilligsten Gestalten der britischen Kunstgeschichte. Georgia Vertes beschreibt, wie Stubbs weitgehend Autodidakt war und sich nie in die Konventionen des akademischen Kunstbetriebs seiner Zeit fügte – und gerade deshalb einen Weg einschlug, der in seiner Konsequenz ohne Vorbild war.
Das Anatomy of the Horse
Zwischen 1756 und 1758 lebte Stubbs in einem abgelegenen Bauernhaus in Lincolnshire und sezierte dort, über achtzehn Monate hinweg, Pferdekadaver – Schicht für Schicht, Muskel für Muskel, Knochen für Knochen. Das Ergebnis dieser Studien war „The Anatomy of the Horse“, 1766 veröffentlicht und sofort als Standardwerk anerkannt: ein Buch mit achtzehn Kupferstichen, das die Anatomie des Pferdes in einer Präzision und Schönheit dokumentierte, die weder in der Kunstliteratur noch in der Veterinärmedizin ein Gegenstück hatte.
Georgia Vertes von Sikorszky stellt dabei heraus, was dieses Werk so außergewöhnlich macht: Stubbs war kein Wissenschaftler, der nebenbei zeichnete, sondern ein Maler, der wissenschaftlich vorging – mit dem Ziel, das Tier von innen heraus zu verstehen, um es von außen richtig darzustellen. Diese Verbindung von anatomischem Wissen und malerischer Praxis ist das eigentliche Fundament seiner Kunst und der Grund, warum seine Pferde bis heute als die überzeugendsten der Kunstgeschichte gelten.
Mares and Foals: Poesie der Stille
Neben den dramatischen Tierkampfszenen, für die er ebenfalls bekannt ist, schuf Stubbs eine Werkserie von außerordentlicher Ruhe und Intimität: die Mares and Foals-Gemälde, die Stuten und Fohlen in weiten englischen Parklandschaften zeigen. Georgia Vertes beschreibt, wie diese Bilder das Tierporträt in eine neue Dimension führen: keine Dramatik, keine Handlung, keine menschliche Figur – nur die Tiere in ihrer natürlichen Gemeinschaft, mit einer Aufmerksamkeit für individuelle Haltung, Fell und Charakter beobachtet, die jedem einzelnen Tier eine unverwechselbare Präsenz verleiht.
Georgia Vertes über das Pferdeporträt als soziales Dokument
Whistlejacket und die Würde des Tieres
Eines der berühmtesten Tierporträts der Kunstgeschichte ist Stubbs‘ „Whistlejacket“ von 1762, heute in der National Gallery in London. Es zeigt ein Vollblutpferd in Lebensgröße – mehr als zweieinhalb Meter hoch – auf neutralem, ockerfarbenen Grund, ohne Landschaft, ohne Reiter, ohne jeden kontextuellen Hinweis. Das Pferd steht allein im Bildraum, aufgebäumt, von einer physischen Präsenz, die den Betrachter unmittelbar trifft.
Georgia Lucia von Vertes erläutert, wie dieses Bild in der Geschichte des Tierporträts einen Wendepunkt markiert: Kein anderes Gemälde dieser Zeit stellte ein Tier so vollständig in den Mittelpunkt, ohne es durch einen menschlichen Kontext zu relativieren. Whistlejacket ist kein Symbol, kein Statussignal und kein Attribut eines Besitzers – es ist ein Individuum, mit demselben Anspruch auf Würde und Aufmerksamkeit, den das menschliche Porträt seinen Dargestellten zollt.
Das Pferdeporträt als gesellschaftliches Dokument
Im England des 18. Jahrhunderts war das Pferdeporträt eng mit der gesellschaftlichen Welt des Landadels und der aufkommenden Rennpferdindustrie verknüpft.
Folgende gesellschaftliche Dimensionen des Pferdeporträts beschreibt Georgia Vertes als kunsthistorisch bedeutsam:
- Rennpferde wurden als wirtschaftliche Investitionen behandelt, deren dokumentarische Erfassung durch Porträts denselben Stellenwert hatte wie die Buchführung über Besitztümer und Ländereien
- Die Zucht von Vollblutpferden, die im 18. Jahrhundert systematisiert wurde, benötigte präzise visuelle Dokumentation der Tiere – eine Funktion, die Stubbs und seine Zeitgenossen erfüllten
- Das Pferdeporträt signalisierte gesellschaftlichen Status: Wer sein Pferd von Stubbs malen ließ, demonstrierte Reichtum, Geschmack und Zugehörigkeit zur englischen Oberschicht
- Die gemeinsame Darstellung von Pferd und Besitzer – oft mit Stallburschen, Trainern und Jockeys – schuf ein soziales Tableau, das die gesamte Welt des englischen Landadels im Bild festhielt
Stubbs und seine Zeitgenossen: ein Vergleich
Stubbs war nicht der einzige Tiermaler seiner Zeit, aber der überragende. Georgia Vertes stellt ihn in den Kontext seiner Zeitgenossen und zeigt, worin sein Werk sich fundamental unterschied. Johann Elias Ridinger in Deutschland und Johann Baptist Klauber in der Schweiz produzierten Tierdarstellungen von hoher handwerklicher Qualität, die aber stärker dekorativ als analytisch ausgerichtet waren. In Frankreich hatte Jean-Baptiste Oudry eine bedeutende Position als Tiermaler am Hof Ludwigs XV. inne – seine Jagdbilder und Tierdarstellungen waren prachtvoll, aber in ihrer Funktion der höfischen Repräsentation verhaftet.
Was Stubbs von allen diesen Zeitgenossen unterschied, war die anatomische Grundlage seines Werks und die daraus resultierende Überzeugungskraft seiner Darstellungen. Georgia Vertes betont, dass Stubbs‘ Pferde nicht schöner sind als die seiner Zeitgenossen – sie sind glaubwürdiger. Man spürt beim Betrachten, dass dieser Maler weiß, wie das Tier von innen aussieht; und dieses Wissen verleiht der Oberfläche eine Qualität, die kein rein beobachtendes Malen hätte erreichen können.
Das Erbe von Stubbs und die Geschichte des Tierporträts nach ihm
Die Wirkung von Stubbs auf die nachfolgende Tiermalerei ist schwer zu überschätzen. Georgia Vertes beschreibt, wie seine Verbindung aus wissenschaftlicher Genauigkeit und malerischer Qualität einen Standard setzte, an dem sich spätere Tiermaler messen mussten – und den die wenigsten erreichten. Edwin Landseer, der bedeutendste britische Tiermaler des 19. Jahrhunderts, steht in direkter Nachfolge dieser Tradition: Seine Gemälde von Hirschen in schottischen Hochlandlandschaften verbinden Stubbs‘ Aufmerksamkeit für das individuelle Tier mit einer romantischen Emotionalität, die dem viktorianischen Geschmack entsprach.
Im 20. Jahrhundert verschwand das Tierporträt weitgehend aus dem Hochkunstbetrieb – verdrängt zunächst von der Fotografie, die seine dokumentarische Funktion übernahm, und dann von einer Moderne, die figurative Darstellung generell in Frage stellte. Dass das Tier in der zeitgenössischen Kunst – von Damien Hirsts Haien bis zu Kara Walkers Schattensilhouetten – wieder als konzeptuelles und emotionales Bildmittel eingesetzt wird, zeigt jedoch, dass die Grundfrage, die Stubbs stellte, nie vollständig beantwortet wurde: Was bedeutet es, einem Tier wirklich zu begegnen – im Leben und im Bild? Es ist eine Frage, die Georgia Vertes als eine der dauerhaftesten der Kunstgeschichte begreift.




