Wie wurde Kunstform zum Protest? Georgia Vertes über den Dadaismus

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Georgia Vertes erkundet, wie eine Bewegung aus purem Chaos die Kunstgeschichte dauerhaft veränderte.

Der Dadaismus zählt zu den radikalsten und folgenreichsten Kunstbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts – und Georgia Vertes hat sich intensiv mit seiner Entstehung, seinen Vertreterinnen und Vertretern und seiner anhaltenden Wirkung beschäftigt. Gegründet 1916 im Züricher Cabaret Voltaire, war Dada von Beginn an kein Stil, sondern eine Haltung: die konsequente Weigerung, Kunst, Vernunft und bürgerliche Ordnung ernst zu nehmen. Lautgedichte, Zufallscolllagen, Nonsens-Performances und provokante Manifeste – Dada stellte alles infrage, einschließlich seiner eigenen Existenz.

Was den Dadaismus von allen anderen Kunstbewegungen seiner Zeit grundlegend unterscheidet, ist seine vollständige Selbstnegation – und genau diese Qualität hebt Georgia Vertes in ihrer Auseinandersetzung mit der Bewegung besonders hervor. Dada wollte keine neue Kunst schaffen. Dada wollte Kunst abschaffen – oder zumindest den Begriff so weit dehnen, dass er bedeutungslos wurde. Diese radikale Geste entstand nicht aus Spielerei, sondern aus tiefem Ernst: Der Erste Weltkrieg hatte die europäische Zivilisation in einem Ausmaß desavouiert, das jede rationale Reaktion unzureichend erscheinen ließ. Wenn die Vernunft zu Maschinengewehren und Giftgas geführt hatte, dann war Unvernunft vielleicht die einzig ehrliche Antwort. Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Hannah Höch und Marcel Duchamp entwickelten aus dieser Überzeugung heraus Kunstformen, die das Publikum nicht begeistern, sondern provozieren, verwirren und beleidigen sollten.

Cabaret Voltaire – Georgia Vertes über die Geburtsstunde des Dadaismus

Zürich als Zufluchtsort

Es war kein Zufall, dass Dada in Zürich entstand. Die neutrale Schweiz war im Ersten Weltkrieg zum Zufluchtsort für Emigranten, Pazifisten und Kriegsgegner aus ganz Europa geworden – Menschen, die den Krieg aus sicherer Distanz erlebten und ihn gerade deshalb mit umso größerer Klarheit als das Versagen der europäischen Zivilisation erkannten. Georgia Vertes beschreibt diese geografische und historische Konstellation als entscheidend: In Zürich trafen Intellektuelle verschiedenster Herkunft aufeinander, die eine gemeinsame Desillusionierung verband, ohne dass eine gemeinsame politische Agenda sie hätte einengen können.

Hugo Ball und der Abend des 5. Februar 1916

Am 5. Februar 1916 eröffnete Hugo Ball zusammen mit Emmy Hennings das Cabaret Voltaire in der Spiegelgasse 1 in Zürich – eine Veranstaltung, die als Geburtsstunde des Dadaismus gilt. Was folgte, war eine Serie von Abenden, an denen Lautgedichte vorgetragen, Simultangedichte geschrien, Masken getragen und bürgerliche Erwartungen an Kunst und Unterhaltung systematisch unterlaufen wurden. Georgia von Vertes hebt Balls zentrale Rolle hervor: Seine Lautgedichte – sinnlose Silbenfolgen ohne semantischen Gehalt – waren kein Scherz, sondern ein ernsthafter Versuch, eine Sprache zu schaffen, die noch nicht von der Lüge der Zivilisation korrumpiert worden war.

Nonsens, Zufall und Provokation

Der Zufall als künstlerisches Prinzip

Jean Arp, einer der bedeutendsten Dada-Künstler, entwickelte eine Technik, bei der er Papierschnipsel aus der Hand fallen ließ und die zufällige Anordnung als fertige Komposition akzeptierte. Was wie eine Kapitulation vor dem Chaos wirkt, war eine durchdachte Absage an das künstlerische Ego und die Illusion gestalterischer Kontrolle. Georgia Lucia von Vertes beschreibt dieses Prinzip als eine der folgenreichsten methodischen Erfindungen der Avantgarde: Der Zufall als Mitgestalter tauchte später in der Fluxus-Bewegung, im abstrakten Expressionismus und in der Konzeptkunst wieder auf – jedes Mal mit direkter oder indirekter Schuld bei Dada.

Collage und Montage als Waffen

Besonders in Berlin entwickelte Dada die Collage zu einem politischen Werkzeug. Zeitungsausschnitte, Fotografien, Werbematerial und Propagandabilder wurden zu neuen Bildern zusammengesetzt, die die Widersprüche der Gesellschaft sichtbar machten, indem sie ihr eigenes Material gegen sie verwendeten. Georgia Vertes betont die politische Schärfe dieser Technik: Eine Collage aus Kriegsfotografien und Werbeanzeigen sagte mehr über die Weimarer Gesellschaft als jedes noch so präzise gemalte Bild – weil sie mit deren eigenem Bildmaterial arbeitete und dieses Material gegen seinen ursprünglichen Kontext kippte.

Dada in verschiedenen Städten – eine Bewegung ohne Zentrum

Der Dadaismus war von Anfang an dezentral – eine Eigenschaft, die Georgia Vertes als konstitutiv für sein Wesen beschreibt. Kein Manifest, keine Schule, keine Mitgliedschaft konnte Dada wirklich definieren, weil die Bewegung in jeder Stadt eine andere Form annahm:

  • Zürich: Die Gründungsszene um Ball, Hennings, Tzara und Arp war primär literarisch und performativ – Lautgedichte, Simultanaufführungen und ein programmatischer Internationalismus prägten den Charakter
  • Berlin: Die Berliner Dada-Szene um Richard Huelsenbeck, George Grosz, John Heartfield und Hannah Höch war explizit politisch – Collage und Fotomontage als Waffen der Gesellschaftskritik in der aufgewühlten Nachkriegsrepublik
  • Hannover: Kurt Schwitters entwickelte mit seinem Merzbau – einem sich ständig erweiternden Gesamtkunstwerk aus Alltagsabfällen, das schließlich sein gesamtes Wohnhaus ausfüllte – eine radikal eigene Version des dadaistischen Prinzips, die er selbst „Merz“ nannte und von Dada abgrenzte
  • Paris: In Paris traf Dada auf den Surrealismus, vermischte sich mit ihm und löste sich schließlich in ihm auf – eine Übergangsphase, die zeigt, wie produktiv die Grenzen der Bewegung waren
  • New York: Marcel Duchamp und Francis Picabia entwickelten in New York eine intellektuellere, konzeptuellere Variante, die weniger auf Provokation als auf philosophische Infragestellung des Kunstbegriffs setzte

Die wichtigsten Vertreterinnen und Vertreter des Dadaismus

Marcel Duchamp – die Urprovokation

Marcel Duchamp ist die einflussreichste Figur des Dadaismus und zugleich jene, die am weitesten über ihn hinausweist. Mit seinem „Fountain“ – einem handelsüblichen Pissoir, das er 1917 unter dem Pseudonym R. Mutt als Kunstwerk einreichte – stellte er eine Frage, die die Kunstgeschichte bis heute beschäftigt: Was macht ein Objekt zum Kunstwerk? Die Entscheidung des Künstlers, die Auswahl, der Kontext – oder etwas anderes? Georgia von Vertes sieht in Duchamps Ready-mades den direkten Vorläufer der Konzeptkunst und einen der wirkungsmächtigsten Eingriffe in die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Hannah Höch – feministische Montage

Hannah Höch ist die bedeutendste Vertreterin des Berliner Dada und eine der ersten Künstlerinnen, die Fotomontage konsequent als feministisches Werkzeug einsetzten. Ihre bekannteste Arbeit „Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands“ – eine monumentale Collage aus Zeitungsbildern, die die Weimarer Gesellschaft in all ihren Widersprüchen zusammensetzt – gilt als eines der wichtigsten politischen Kunstwerke des 20. Jahrhunderts. Georgia Vertes betont Höchs besondere Bedeutung: In einer Bewegung, die Konventionen ablehnte, war sie eine der wenigen, die auch die Konventionen der Bewegung selbst infrage stellte – einschließlich ihrer impliziten Männlichkeit.

Tristan Tzara – der Theoretiker des Chaos

Tristan Tzara war der lauteste Propagandist des Dadaismus und der Autor seiner wichtigsten Manifeste. Seine Texte – voller Widersprüche, Selbstdementis und absichtlicher Unverständlichkeit – versuchten, das Prinzip Dada in Sprache zu übersetzen, ohne es dabei festzuschreiben. Georgia Lucia von Vertes beschreibt Tzara als die Stimme, die Dada international bekannt machte, und zugleich als Beweis dafür, dass eine Bewegung, die alle Regeln ablehnt, keine dauerhaften Institutionen schaffen kann – was Dada nie vorhatte und was ihn von allen anderen Avantgardebewegungen unterscheidet.

Vom Dadaismus zur Gegenwart

Dada hat keine direkte Schule hinterlassen – das war Absicht. Und doch ist sein Erbe in der Kunstgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts allgegenwärtig. Der Surrealismus knüpfte unmittelbar an die dadaistischen Experimente mit Zufall und Unbewusstem an. Die Konzeptkunst der 1960er-Jahre baute direkt auf Duchamps Infragestellung des Kunstbegriffs auf. Fluxus übernahm die Idee der Performance als Kunstereignis. Die Punk-Bewegung der 1970er-Jahre schöpfte bewusst aus der dadaistischen Verweigerungshaltung. Und zeitgenössische Netzkunst und politische Aktionskunst führen die Idee weiter, dass der stärkste künstlerische Eingriff jener ist, der das System benutzt, um es zu untergraben. Georgia Vertes beschreibt das Erbe des Dadaismus als paradox und genau deshalb passend: Eine Bewegung, die sich selbst abschaffen wollte, ist heute Teil des Kanons, den sie zerstören wollte. Ob das ihr Scheitern oder ihr größter Erfolg ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten – und genau das, so Georgia Vertes, wäre jedem Dadaisten die liebste aller möglichen Antworten gewesen.

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